© Oltner Tagblatt
27.05.2006, von Edgar Straumann
Demokratie braucht auch Disharmonie
Luzern
Das weltweit grösste Fest der Blasmusik wurde am vergangenen
Wochenende glanzvoll eröffnet
Aus dem Kanton Solothurn haben sich
35 Gesellschaften für den musikalischen Wettstreit eingeschrieben.
Eine davon, die Musikgesellschaft Konkordia Egerkingen, hat diese
Zeitung auf dem Weg und bei den Einsätzen in Luzern begleitet.
GERADE WEIL
ein eidgenössisches Musikfest nur alle fünf Jahre zur Austragung
gelangt, ist es für die teilnehmenden Musikantinnen und Musikanten
nicht nur eine besondere Herausforderung, sondern gleichzeitig auch
ein Erlebnis der besonderen Art. Da nimmt man ein sehr frühes
Aufstehen an einem üblicherweise arbeitsfreien Samstag in Kauf, um
ja nichts dem Zufall zu überlassen. So auch in der Gäuer
Einkaufsmetropole. Nach und nach treffen die in Schwarz gekleideten
Mitglieder der Egerkinger «Konkordia» beim bereitstehenden Postauto
ein. Einige wirken noch etwas verschlafen. Doch die mit Gel
gestylten Frisuren bei den jüngeren Generationen lassen eindeutig
erkennen: Heute steht ein besonderer Tag bevor.
RAFFAEL NÜNLIST
fährt zum ersten Mal an ein Eidgenössisches, im Gegensatz zu vielen
seiner Vereinskameraden, die bereits mehrfach Erfahrungen sammeln
konnten, insbesondere auch an Kantonalen. «Ich bin schon etwas
nervös», meint der Perkussionist und jüngste Teilnehmer. «Ich hoffe,
dass Luzern für uns wieder ein guter Boden sein wird, wie vor einem
Jahr, als wir am luzernisch Kantonalen in unserer Klasse den Sieg
mit nach Hause trugen.» Seine Erwartung? «Ein guter Rang, sicher
nicht schlechter als zehnte.»
BEI DER ANKUNFT
auf der Luzerner Allmend richten sich die meisten Blicke fragend an
den Himmel. Ist wirklich typisches Luzerner Wetter, sprich
Regenwetter? Die Befürchtungen sind umsonst. Nach kurzem Schauer
lichten sich die Wolken, wodurch die Darbietung im Freien, der
Marschmusikwettbewerb, nicht gefährdet ist.
WIE MEIST BEI GROSSANLÄSSEN
ist Warten angesagt, warten bis zum Transfer ins KKL. Viele betreten
erstmals den Kulturtempel, wenn auch vorerst nur für die Vorprobe.
Beim Einspielen der Instrumente kommt erstmals Leben in die Runde.
Kein drauflos Hornen, sondern Konzentration auf allen Instrumenten
und den möglichst besten Ansatz suchend. Die Spannung auf die immer
näher rückenden Wettspiele ist unverkennbar.
CARLO BALMELLI,
der musikalische Leiter, der an diesem Festwochenende noch mit
Mendrisio und Zürich Oerlikon in der Höchstklasse antritt, strahlt
Ruhe und Zuversicht aus. Obschon die Vorbereitung mit einem Minimum
an Proben vonstatten ging. «Wir hatten keine einzige Zusatzprobe»,
bestätigt Vereinspräsident Guido Lüthi, glaubt man beim Gäuer
Vorzeigeverein an seine Chance. «Wir werden jetzt in einen anderen
Raum wechseln und dort eine total andere Akustik erleben. Lasst euch
darob nicht überraschen», sind die letzten Anweisungen des
Dirigenten.
VON NUN AN geht es
Schlag auf Schlag weiter. Im Luzerner Saal des KKL steht auf 9.30
Uhr die Aufführung des Aufgabestückes auf dem Zeitplan. Beim
Betreten des Lokales sind die Zuschauerränge praktisch voll besetzt.
Gute Voraussetzungen also für einen Erfolg versprechenden Start. Den
Vereinen der 1. Stärkeklasse Harmonie wurde vor rund zwei Monaten «Bulgarian
Dances» von Franco Cesarini zur Einstudierung zugestellt. «Ein
Stück, das auf Anhieb zu gefallen wusste», ist aus Musikantenkreisen
zu vernehmen. Der Vortrag gelingt gut. Unsicherheiten sind
jedenfalls keine festzustellen.
GESPANNT wartet
man auf die von den drei Jurymitgliedern Philipp Wagner, Lorenzo
della Fonte und Markus S. Bach ausgesprochene Punktzahl.
Gesamtpunktzahl 281. Ein gutes Resultat. Dennnoch ist eine leise
Enttäuschung unverkennbar. «Unser Vortrag war etwas zu verhalten.
Wir haben nicht die bes-te Version abgeliefert. Somit müssen wir das
Resultat akzeptieren», so lautet die selbstkritische Beurteilung.
MIT DER EINSTELLUNG,
zu beweisen, zu welchen Leistungen man effektiv fähig ist, erfolgt
die Dislokation in den grossen Konzertsaal des KKL. Der Auftritt
über den Bühnenaufgang ist überwältigend und verfehlt seine Wirkung
nicht. In der Tat, mit dem Selbstwahlstück «Gloriosa» von Yasuhide
Ito steigert sich die Konkordia Egerkingen zur Höchstform. Dieser
Ansicht ist auch das Expertentrio und verteilt 293 von möglichen 300
Punkten. Die Freude und Begeisterung ist bei den Interpreten
gleichermassen gross wie beim Publikum auf den Rängen. «Mehr Punkte
können wir mit diesem Höchstklassestück gar nicht erreichen», stellt
Kurt von Arx strahlend fest.
IN BESTER LAUNE
besteigt das Egerkinger Musikcorps das bereitstehende Schiff zur
Überfahrt an den Schweizerhofquai. Man rechnet fest damit, von den
zwei zur Auswahl angegebenen Märschen den «Solothurner-Marsch» von
Stephan Jäggi vortragen zu dürfen und lässt diesen während der
kurzen Schifffahrt übungshalber auch erklingen. In letzter Sekunde
entscheidet sich die Jury jedoch anders und verlangt «Gruss an Bern»
von Carl Friedemann. Die Solothurner grüssen Bern dermassen
überzeugend, dass ihnen 271 Punkte zugeteilt werden – soviel wie
noch nie an einem Marschmusikwettbewerb, wird verlautet.
NUN FÄNGT das
lange Warten an. Doch Luzern ist darauf vorbereitet, erbringt für
die Verköstigung der Vereine eine organisatorische Grossleistung und
am Nationalquai eine Flaniermeile zum Verweilen.
SCHLIESSLICH kommt
es zur lang ersehnten Rangverkündigung auf dem Europaplatz vor den
KKL. Dabei haben die Egerkingerinnen und Egerkinger allen Grund zum
Jubeln: In der Zwischenrangliste 16./17. Juni erreichen sie in der
1. Klasse Harmonie mit dem Selbstwahl- und Aufgabestück den
hervorragenden dritten Rang; mit der Gesamtpunktzahl von 574
verfehlen sie den zweiten Platz nur um einen Punkt. Zur absoluten
Spitze fehlen nur die im Aufgabestück vergebenen vier Punkte. Die
Rangliste der Marschmusik wird sogar zusammen mit einem weiteren
Solothurner Verein, der MG Schnottwil, gemeinsam angeführt.
DAZU KANN MAN nur
sagen: Herzliche Gratulation.